top of page

Der Kletter-Knigge, Teil 2

Aktualisiert: vor 5 Tagen

Die richtigen Worte finden


Für einen perfekten Klettertag sind gute Vibes unerlässlich. Das Wetter kann traumhaft sein, der Fels atemberaubend schön und die Route genau das, worauf man sich seit Wochen freut. Doch wenn die Stimmung nicht passt, ist der Tag trotzdem schnell verloren.


Gute Stimmung am Fels entsteht nicht zufällig. Sie entsteht durch Aufmerksamkeit, Rücksicht, Humor, Geduld und echtes Interesse am Erfolg der anderen. Denn Klettern ist zwar eine individuelle Sportart, aber am Fels selten eine einsame Angelegenheit. Wer sich gegenseitig sichert, motiviert, unterstützt und manchmal auch Frust aushält, beeinflusst den Tag des anderen stärker, als es auf den ersten Blick scheint.



Das Interesse am Erfolg des anderen


Klettern climbing Frankenjura

Eine wichtige Voraussetzung für motivierende Vibes ist das ehrliche Interesse des Sichernden am Erfolg des Kletternden. Wer sich nicht für seinen Partner interessiert, kann schwer erwarten, dass sich später jemand für ihn interessiert. Im schlimmsten Fall entsteht ein einvernehmliches Desinteresse: Beide klettern irgendwie vor sich hin, aber niemand ist wirklich beim jeweils anderen.


Ganz anders fühlt es sich an, wenn Sicherer gedanklich bei ihren kletternden Partnern bleiben und diese Aufmerksamkeit auch zeigen. Ein kurzer Blick nach oben, ein paar passende Worte, aufmerksames Sichern und echtes Mitfiebern können den Kletterer enorm bestärken.


„Sei beim Sichern mit Kopf und Herz dabei.“

Vor dem Einstieg helfen oft kleine Späße, um eine angespannte Atmosphäre aufzulockern. Es schadet sicher nicht, eine Wurschtsemmel, ein Stück Käsekuchen oder ein Bier in Aussicht zu stellen, falls die Crux, die lange Sequenz oder sogar der Durchstieg gelingt. Auch ein kurzer motivierender Satz kann helfen: „Auf geht’s, Starker“, „Gib dein Bestes“ oder „Ich glaub an dich.“

Weniger hilfreich sind Worte, die gut gemeint sind, aber Erwartungen aufbauen. Sätze wie „Du schaffst das!“ oder „Jetzt steig endlich durch“ können Druck erzeugen und negative Emotionen hervorrufen. Motivation funktioniert am besten, wenn sie unterstützt, ohne zu belasten.



Die Kunst des Anfeuerns


Sobald der Kletterer, hoffentlich positiv gestimmt, unterwegs ist, kann der Sicherer ihn in den schweren Sequenzen anfeuern. Dauerhaftes, übertriebenes Anfeuern braucht allerdings niemand, erst recht nicht in leichteren Passagen, in denen sich der Kletternde gerade erholen möchte.


Gutes Anfeuern ist eine Kunst. Es setzt voraus, die Ambitionen des Kletterers zu kennen, seine Körpersprache lesen zu können und ein Gefühl dafür zu entwickeln, was er in diesem Moment braucht. Befindet er sich gerade voll im Flow, können lobende Worte wie „Super schön“ oder „Richtig gut“ unterstützen. Auch nach einer gelungenen schweren Sequenz oder einem wackligen Clip wirkt ein kurzes Lob oft beruhigend auf den adrenalingeladenen Kletterer.


Kämpft er sich hingegen durch die Crux und geht voll an sein Limit, braucht er eher klare, bestärkende Worte: „Auf geht’s! Ein Zug noch!“ oder „Komm, zieh! Gib Gas!“. In langen Runouts kann es dagegen helfen, Sicherheit zu vermitteln: „Ich bin bei dir“ oder „Das geht. Alles safe.“ Solche Worte können den entscheidenden Unterschied machen.


„Motiviere, ohne Druck aufzubauen.“

In objektiv brenzligen Situationen sollte allerdings kein falsches Sicherheitsgefühl erzeugt werden. Wenn ein Sturz wirklich ungünstig wäre, sagt konzentrierte Stille oft mehr als tausend Worte.

Ebenso können Hilfestellungen als Teil des Anfeuerns betrachtet werden. Wenn es im Durchstiegsversuch mal nicht glatt läuft und es zu einem vorübergehenden Blackout kommt, kann der Sicherer helfen, indem er an den nächsten Griff, Tritt oder die geplante Sequenz erinnert. Deshalb schadet es auch nie, wenn der Sicherer die Bewegungen seines Partners kennt.



Der Umgang mit Frust und Ärger 


Gelingt der Durchstieg trotz Anfeuern und Hilfestellung nicht, ist direkt nach dem Sturz meist der schlechteste Zeitpunkt für großartige Ratschläge. Besser sind Sätze wie: „Das sah bis dahin richtig gut aus“ oder „So weit bist du noch nie gekommen.“ Zuerst muss der Sturz emotional verarbeitet werden, bevor der Blick wieder auf die Route gerichtet werden kann.


Sobald Frust und Ärger etwas abgeklungen sind, beginnt der richtige Moment für Reflexion. Dann helfen Fragen oft mehr als fertige Antworten. Am besten überlegt der Kletterer zunächst selbst, woran es lag und was beim nächsten Versuch besser funktionieren könnte. Danach bleibt immer noch genügend Zeit für konkrete Vorschläge, idealerweise verbunden mit einer Beobachtung: „Es sieht so aus, als ob deine Hüfte zu weit aus der Wand kommt. Kannst du noch stärker am rechten Fuß ziehen?“ Oder: „Ich weiß, du bist kleiner als ich, aber mir hilft es an der Stelle, etwas tiefer zu stehen.“


"Gib erst Ratschläge, wenn dein Partner bereit dafür ist."

Nicht jeder Klettertag endet mit einem Happy End. Manchmal bleibt die Route offen, der Körper müde und der Kopf unzufrieden. Dann ist spätestens beim Abendessen oder auf der Heimfahrt der richtige Zeitpunkt, über etwas anderes als Klettern zu reden. Es gibt genügend Themen, die unser Leben stärker beeinflussen als Erfolg oder Misserfolg am Fels. Ein gut gewählter Themenwechsel kann die Stimmung retten.



Die Sache mit der Beta


Beta lernen Klettern

Manchmal ist es gar nicht so einfach, Tipps anderer anzunehmen. Häufig liegt das weniger am Inhalt als am Zeitpunkt oder an der Art, wie ein Ratschlag formuliert wird. Trotzdem schadet es oft nicht, eine fremde Idee zumindest einmal auszuprobieren. Ganz nach dem Motto: Erst probieren, dann negieren.


„Frage erst, bevor du Beta gibst.“

Tipps anderer können helfen, aus eingefahrenen Bewegungsmustern auszubrechen und neue Lösungen zu entdecken. Es wäre schade, solche Chancen ungenutzt zu lassen, nur weil die vorgeschlagene Beta auf den ersten Blick nicht zur eigenen Körpergröße, Kraft oder Beweglichkeit zu passen scheint.


Damit Beta überhaupt angenommen werden kann, hilft eine einfache Frage: „Möchtest du Beta?“ So wird vermieden, anderen ungefragt Lösungen aufzudrängen. Besonders Zuschauer, die nicht Teil des Freundeskreises oder Teams sind, sollten sich daran halten. Nicht jeder möchte im Projekt fremde Kommentare hören, und nicht jeder braucht die Lösung, bevor er überhaupt selbst tüfteln durfte.



Voller Emotionen


Je näher eine Route am persönlichen Limit liegt und je mehr Zeit und Energie bereits in ein Projekt geflossen sind, desto emotionaler wird das Klettern. Positive und negative Emotionen gehören zum Fels wie Chalk an die Hände. Freude, Euphorie, Erleichterung, Frust, Ärger und Enttäuschung machen den Sport lebendig.


Bei positiven Emotionen gibt es kaum eine Grenze. Bei negativen hingegen schon. Solange die Ausdrucksweise stimmt, dürfen Emotionen sichtbar sein. Es gibt aber keinen Grund, das benachbarte Dorf aufzuschrecken oder andere Menschen am Fels mit der eigenen Laune zu belasten.


Klettern Frankenjura

Starke Emotionen können auch entstehen, wenn der Kletterpartner die Route zuerst schafft. Manchmal fällt es schwer, sich ehrlich zu freuen, wenn man selbst noch kämpft. Doch Missgunst ist am Fels fehl am Platz. Wahrscheinlich hat sich der Durchsteiger genauso angestrengt und sein Bestes gegeben. Wenn nicht direkt in der Route, dann zumindest im vorangegangenen Training.


„Freu dich ehrlich über den Erfolg anderer.“

Durchstiege anderer können inspirieren oder demotivieren. Die Entscheidung liegt zu einem großen Teil bei jedem selbst. Und wer weiß: Vielleicht springt sogar ein kostenloses Abendessen heraus, wenn man sich aus tiefstem Herzen über den Erfolg des anderen freut.



Motivierende Vibes


Für gute Vibes sind nicht nur die anderen verantwortlich. Jeder einzelne trägt seinen Teil zur Stimmung am Fels bei. Wer dauerhaft Angst hat, nicht genug zum Klettern zu kommen, erzeugt durch Ungeduld unnötigen Stress. Wer selbst gesichert werden und in Ruhe eine schwierige Route ausbouldern möchte, sollte auch beim Sichern ausreichend Geduld mitbringen.


Natürlich darf Klettern einen hohen Stellenwert im Leben haben. Man darf ambitioniert sein, Ziele verfolgen und sich über Misserfolge ärgern. Aber auch Ehrgeiz braucht Grenzen, spätestens dann, wenn er die Stimmung zu stark anderer belastet.


„Trag aktiv zu guten Vibes am Fels bei.“

Das beste Kletterteam entsteht nicht durch zwei besonders starke Kletterer. Es entsteht durch zwei Menschen, die gemeinsam besser klettern, als sie es allein tun würden. Dafür braucht es emotionale Anteilnahme, Motivation, Geduld, Respekt und Verständnis.


Wenn all das alles mit tollen Routen und guten Bedingungen zusammenkommt, entstehen genau jene Tage, die lange im Gedächtnis bleiben.  



Climb BiG


Kommentare


bottom of page