Der Kletter-Knigge Teil 1
- Birte Gutmayer
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Kletterregeln für den perfekten Tag am Fels
Wie schön sind Klettertage, an denen alles zusammenpasst: die richtigen Menschen, gute Bedingungen, lohnende Routen und eine Atmosphäre, in der sich alle wohlfühlen. Ein Lieblingskletterpartner ist dabei nur eine von vielen Voraussetzungen. Homogene, gut geputzte Linien, trocken-kühle Temperaturen und ein rücksichtsvolles Miteinander können einen ganz normalen Tag in einen perfekten Klettertag verwandeln.
An solchen Tagen nutzen wir unsere mentale und körperliche Energie nicht nur für persönliche Bestleistungen, sondern tragen zugleich dazu bei, den Aufenthalt für alle anderen angenehm zu gestalten. Dazu gehören Sicherheit und Ordnung, gegenseitige Unterstützung, gute Stimmung, eine flexible Routenwahl sowie eine selbstbestimmte, prozessorientierte und reflektierte Kletterei.
Das Wichtigste zuerst: Sicherheit
Nichts überschattet einen Klettertag stärker als ein Unfall. Deshalb steht die Sicherheit an erster Stelle, auch wenn sie nicht immer das beliebteste Gesprächsthema ist. Schließlich möchten alle vor allem klettern und sich nicht ständig mit möglichen Gefahren beschäftigen.
Gerade deshalb lohnt es sich, potenzielle Risiken frühzeitig auszuschließen. Fixexen sollten kritisch geprüft und im Zweifel nicht verwendet werden. Fragwürdiges Bandmaterial oder scharfkantige Karabiner lassen sich am besten direkt austauschen, bevor sie während des Kletterns unnötig Aufmerksamkeit binden. Auch ein Clipstick ist ein sinnvolles Werkzeug, um Bodenstürze und riskante Einstiege zu vermeiden. Schließlich betrifft ein unkontrollierter Sturz nicht nur die kletternde Person, sondern möglicherweise auch andere Menschen am Wandfuß.

Beim Sportklettern sollten klare Kommandos wie „Zu“ und „Ab“ in der Regel vollkommen ausreichen. Werden sie gegeben, sollten Sichernde unmittelbar darauf reagieren. Auch gut gemeinte Motivation darf nicht dazu führen, dass ein ausdrücklicher Wunsch ignoriert wird. Sturzangst sollte ernst genommen werden, unabhängig davon, wie wenig nachvollziehbar sie von außen erscheint. Sichernde beeinflussen das Sicherheitsgefühl ihrer Partner erheblich, sowohl positiv als auch negativ.
Ebenso wichtig wie verlässliche Kommunikation ist eine angemessene Sicherungsweise. Ein Sturz sollte so dynamisch wie nötig, zugleich aber so kurz wie möglich gehalten werden. Viel Schlappseil ist nicht automatisch gleichbedeutend mit weichem Sichern. Im ungünstigsten Fall verlängert es lediglich den Sturz und zwingt die kletternde Person anschließend dazu, sich mehrere Meter wieder nach oben zu arbeiten.
Stürze sollten so kurz wir möglich, aber so dynamisch wie möglich gehalten werden.
Natürlich können Sicherungsfehler auch unbeabsichtigt entstehen, etwa weil die Reibung im System, der Gewichtsunterschied oder die Richtung des Sturzzugs falsch eingeschätzt wurden. In solchen Situationen hilft eine ehrliche und unmittelbare Entschuldigung meist mehr als eine beiläufige Floskel. Entscheidend ist, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam zu überlegen, wie sich derselbe Fehler beim nächsten Versuch vermeiden lässt.
Kurz und knapp: Ordnung
Ordnung am Fels beginnt damit, keinen Müll zurückzulassen und die eigene Ausrüstung so beieinanderzuhalten, dass weder Wege blockiert noch fremde Gegenstände versehentlich eingepackt werden. Auch das Bürsten von Griffen gehört dazu, damit so wenig Spuren wie möglich zurückbleiben.
Ticks sollten nur dort gesetzt werden, wo sie tatsächlich eine Orientierungshilfe darstellen. Werden irgendwann sämtliche Griff- und Trittoptionen markiert, verliert der einzelne Chalkstrich seinen Nutzen und die Wand wirkt unnötig überzeichnet.
Getickt werden sollte nur da, wo es wirklich sinnvoll ist.
Wer einen Chalkstrich als Gedächtnishilfe nutzt, kann außerdem darauf achten, Tritte oberhalb und Griffe unterhalb zu markieren. So werden andere Kletternde seltener in die Irre geleitet, denn sie können besser einschätzen, ob der Tick einen Griff oder Tritt markiert . Noch besser ist es, die eigenen Markierungen nach dem Versuch wieder zu entfernen.
Grundsätzlich profitieren alle davon, wenn eine Route etwas sauberer hinterlassen wird, als sie vorgefunden wurde.
Ein harmonisches Miteinander

Ein angenehmer Klettertag lebt von gegenseitiger Rücksichtnahme. Dazu kann gehören, auf laute Musik zu verzichten und Beschäftigungen für Kinder so zu wählen, dass weder Fels noch Umgebung beschädigt werden. Eine Schaukel, eine Prusikstation oder Jojo-Klettern bieten meist bessere Möglichkeiten als Hammer und Meißel und sorgen dafür, dass Kinder und Erwachsene gleichermaßen Freude am Tag haben.
Vor allem an beliebten Felsen kann es vorkommen, dass bei der Ankunft bereits viele oder sogar alle Routen belegt sind. In solchen Situationen hilft Flexibilität. Manchmal ist es entspannter, einen ruhigeren Fels aufzusuchen, statt sich durch einen überfüllten Tag zu kämpfen.
Dasselbe gilt für besonders beliebte Linien. Drei Personen an einer Route lassen sich meist gut koordinieren. Mit jeder weiteren Person steigen jedoch Wartezeit und Abstimmungsaufwand deutlich. Wer bei der Routenwahl offen bleibt, entdeckt nicht selten eine weniger bekannte Linie, die sich im Nachhinein als echter Glücksgriff erweist.
Sobald mehrere Personen dieselbe Route probieren, sind klare Absprachen wichtig.
Es ist fair, Kletternden mit realistischen Durchstiegsambitionen gelegentlich den Vortritt zu lassen. Gleichzeitig sollten sehr lange Versuche mit Blick auf Wartende und Sichernde im Rahmen bleiben. Mehr als 45 Minuten am Stück können für alle Beteiligten eine Geduldsprobe werden.
Eingehängte Exen dürfen in der Regel von anderen mitbenutzt werden. Dennoch gehört es zum guten Ton, die Person zu fragen, der das Material gehört. So lassen sich Missverständnisse einfach vermeiden.

Ein Seil in einer Route hängen zu lassen und die Linie damit über längere Zeit zu reservieren, schränkt dagegen die Möglichkeiten anderer unnötig ein. Wird das Seil später noch für eine Toprope-Begehung benötigt, lässt sich meist eine unkomplizierte Lösung finden: Das Seil wird vorübergehend abgezogen und anschließend wieder eingehängt.
Ein gelungener Tag am Fels entsteht selten nur durch gute Bedingungen oder eine starke persönliche Leistung. Entscheidend ist auch, wie aufmerksam alle Beteiligten mit der gemeinsamen Umgebung und miteinander umgehen. Wer Sicherheit ernst nimmt, Ordnung hält, flexibel bleibt und andere in ihrer Freiheit nicht unnötig einschränkt, trägt wesentlich dazu bei, dass aus einem guten Klettertag ein wirklich besonderer wird.



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